Ilja Trojanow, Macht und Widerstand – Annäherung an ein Ungeheuer

Das Buch «Macht und Widerstand» von Ilja Trojanow handelt von Ungeheuern. Von Konstantin Scheitanow, der 1953 für ein Verbrechen gegen den Staat, für Jahre im Straflager verschwindet und dessen dicke Akte bei der Staatssicherheit bereits davor Ungeheuer genannt wird. Ebendiese Akten, durch die sich Konstantin im Jahr 1999 wühlt, sind in ihrem beinahe unermesslichen Umfang ein einziges Ungeheuer. Es finden sich immer wieder Abdrucke von Akten im Buch. Ein Ungeheuer führt dabei zum nächst grösseren, die Akten zur Staatssicherheit, sie wird durch Metodi vertreten, einen Karrieristen in ihren Reihen, der in konstanter Feindschaft zu Konstantin steht. Sie alle sind Teil des grössten und ungreifbarsten Ungeheuers, dem Kommunistischen System. Unverständlich für uns, probiert Trojanow in diesem Buch dieses Ungeheuer zu greifen, einzufangen und einen Blick darauf zu gewähren.

Er bedient sich dabei der oben erwähnten Stereotypen Vertretern von Macht beziehungsweise Widerstand. Aber auch einer Art «Stimme des Zeitgeistes», wirr erzählt und kaum zusammenhängend, scheint der Fokus dieser Erzählung zufällig ins Land geworfen zu sein. Ein Versuch, die Stimmung in einem Land aufzuzeigen, in dem offizielle Meinungsumfragen eine 100 prozentige Zufriedenheit ergaben, auch wenn gerade Knappheit und Arbeitslosigkeit herrschten. Das Lesen dieser Stellen erweist sich manchmal aufschlussreich, wenn grössere Zusammenhänge gezeigt werden, meist jedoch verwirrend und bedrückend.

Stereotyp bedeutet im Falle dieser Schilderungen nicht, dass die Charaktere von Konstantin und Metodi nicht ausgearbeitet wären. Konstantin wird als vom Lager gebrochener Mann gezeigt, der das selbst nicht verstanden hat. Seine Erlebnisse im Straflager hindern ihn daran, sich mit anderem zu befassen, er kann nicht vom Archiv, und damit seinem Kampf gegen die Staatssicherheit, ablassen. Metodi seinerseits wird als Ausführer von Befehlen, und unkritischer Nachfolger des Systems dargestellt der jetzt enttäuscht darüber ist, dass er vom System nichts zurückerhält sondern aussortiert wird, dabei aber weiterhin an seinem «Ehrenkodex» festhalten will.

Das Stereotype an den beiden sind ihre Aussagen die immer wieder fallen, beispielsweise: «Nur wenn man Angst vor dir hat, Mädchen, hast du Macht. » von Metodi, oder Ausspruch Konstantins «Alle die mehr gegeben haben sind gestorben» sie sind etwas zu gut, etwas zu reflektiert für die jeweiligen Situationen. Es gibt gerade bei Metodi unzählige Situationen wo der Leser vom sonst etwas einfältig wirkenden Major mit Analysen aus dem Lehrbuch überrascht wird, sie wirken wie Aussagen, die sich jemand über Jahre überlegt und reflektiert hat. Nicht wie Überlegungen eines relativ einfach gestrickten Parteisoldaten. Es gibt in den beiden keine individuellen Charaktereigenschaften jede Aussage ist Klischee. Dies lässt die Geschichte zwischenzeitlich etwas aufgesetzt wirken. Es lässt sich aber auch ein Sinn darin erkennen.

Die extremen und konsequenten Charakterzüge zeichnen einerseits ein sehr genaues Bild, das sich wohl aus den vielfältigen Recherchen des Autors ergeben hat, andererseits scheint es auch durchaus realistisch, dass sich solche Charaktere bilden in einer Gesellschaft, in der es nur Gut und Böse gibt. So dass jeder sich entweder für das eine Extrem, die Systemtreue, für das andere, die Rebellion, oder aber für den radikalen Mittelweg, auf dem es darum geht, um keinen Preis aufzufallen, entscheiden muss. Diejenigen, die sich für ein extrem entscheiden, werden in eine Form hineingepresst. Die vermeintliche Schwäche des Buches ist damit wenigstens teilweise ein Problem im beschriebenen System. Das unterschwellig aufgezeigt wird.

Das Buch gibt Aufschluss über das Leben eines Revolutionärs und eines Parteisoldaten, es gibt auf spezielle Art Auskunft darüber wie die landläufige Meinung war und wie die Staatssicherheit dachte. Es löst dabei aber nicht den Schatten, der auf dem System hängt, das grosse Ungeheuer, Kommunismus bleibt. Unnahbar wie zuvor,  scheint man nur einiges mehr über seine Schrecken zu wissen. Es ist gut möglich dass genau diese Unnahbarkeit den Kommunismus am besten beschreibt.

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