Raoul Schrott – Tristan da Cunha

„Tristan da Cunha“ ist ein Roman von Raoul Schrott, der im Jahre 2010 vom Fischer Verlag erschien.

Die Handlung dreht sich um vier Charaktere, die auf eine bestimmte Weise alle eine Verbindung zu der Insel Tristan da Cunha haben. Die Personen leben alle zu unterschiedlichen Zeiten. Der Priester Edwin Heron Dodgson, der im 19. Jahrhundert im Missionierungsauftrag Grossbritanniens auf die Insel kam. Christian Reval, der im Zweiten Weltkrieg als Funker auf Tristan stationiert war und in späteren Jahren die Insel vermass. Die Wissenschaftlerin Noomi Morholt, die zu Forschungen in die Antarktis aufbrach und Mark Thomson, der die Geschichte der Insel anhand seiner Briefmarkensammlung und seines unvorstellbar umfangreichen Wissens rekonstruiert.

Das was dem Leser in Form des Buches vorliegt, sind die Schriftstücke, die diese vier Personen zu ihrer Zeit schrieben. Der Autor nimmt sich somit, zumindest formal völlig aus der Geschichte heraus.

 

Im Roman geht es zentral um die inneren Kämpfe, mit denen sich die vier Hauptcharaktere auseinanderzusetzen haben. In ihrer aller Leben geschah etwas, das es für sie zu verarbeiten gilt. Die Insel stellt für sie auf eine Art und Weise einen Ort und eine Möglichkeit dar, ihrem inneren Konflikt zu entkommen und zu sich selbst zu finden.

Die Sprache, die Raoul Schrott verwendet, ist eher an ein gebildetes Publikum gerichtet. Der Roman enthält neben der eigentlichen Erzählung viele wissenschaftliche und historische Einschübe. Das führt dazu, dass es von Zeit zu Zeit schwer fällt, der Handlung zu folgen. Um problemlos den roten Faden behalten zu können, ist eine gewisse Kenntnis in Geschichte und Naturwissenschaften sicherlich empfehlenswert. So dauert es einige Zeit bis man in einen Lesefluss fällt. Ausserdem sind viele Formulierungen in Metaphern verpackt, die ebenfalls zum Nachdenken anregen.

Den ersten Eindruck, den der Roman auf mich machte, war daher eher abschreckend und ich fühlte mich überfordert. Die Verbindungen, die die Hauptpersonen zueinander haben, werden erst sehr spät ersichtlich. Zu Beginn sieht man sich einem grossen Wirrwarr von Erzählungen und Fakten gegenüber, die sich erst ab etwa der Hälfte des Buches langsam einordnen lassen.

Des Weiteren werden die Gefühlszustände und Gedankengänge der Personen sehr detailliert beschrieben. Da die Geschichten aus erster Hand kommen und von der betreffenden Person persönlich verfasst wurden, ist es erneut manchmal schwer deren Gedanken zu folgen. Sehr viele Aussagen das Textes sind in kompliziert formulierte Ausführungen verpackt, die es für den Leser zunächst zu entschlüsseln gilt.

Äusserst positiv ist zu erwähnen, dass der Lerneffekt beim Lesen sehr gross ist. Man liest nicht nur eine Geschichte, sondern erfährt nebenbei noch sehr viel Hintergrundwissen, vor allem hinsichtlich geschichtlicher Fakten. Somit das Buch sowohl unterhaltsam, als auch anspruchsvoll und lehrreich zugleich.

 

Der Roman „Tristan da Cunha“ dreht sich in erster Linie um das Gefühlschaos der Hauptcharaktere. Es geht um Selbstvorwürfe, Reue, und etwas Abenteuer. Raoul Schrott entführt den Leser in eine andere Welt, um nicht zu sagen in vier neue Welten, gewährt tiefe Einblicke in die Gemütszustände der Hauptpersonen und lässt einen mit diesen mitfühlen.

Zu empfehlen ist der Roman für alldiejenigen, die sich gerne in andere Personen hineinversetzen und bereit sind, sich deren Gefühle zu verinnerlichen. Allerdings sollte man gewillt sein, sich einer Herausforderung zu stellen und sich durch die ersten paar hundert Seiten durchzuschlagen.

Für mich ist das Buch auf jeden Fall einen Kauf wert, da ich eine ganz neue und unerwartete Leseerfahrung machen durft, ein Buch zu lesen, wie noch keins bisher. Es deckt so viele Aspekte des Lesens, Lernens und der Unterhaltung ab, dass es einen wirklich in seinen Bann zieht.

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