Christian Kracht – Faserland

In seinem Debüt-Roman beschreibt Christian Kracht eine Reise quer durch Deutschland und weiter in die Schweiz. Er versetzt sich dabei in einen wohlhabenden, jungen Erwachsenen, dessen Namen man nicht kennt und erzählt in der Ich-Perspektive. Während der Reise werden verschiedene Missstände in der Gesellschaft angesprochen und in kurzen, aber prägnanten Gedankengängen behandelt. 

Vor allem zu Beginn der Erzählung kommt die Tatsache stark zur Geltung, dass dieser junge Erwachsene, der die Hauptfigur darstellt, aus reichem Elternhaus stammt und dass er sich auch in so einem Umfeld bewegt. Mercedes S-Klasse, Barbour-Jacke und Edeldiskotheken, wie zum Beispiel das P1, prägen das erste Kapitel, das sich in Kampen auf Sylt abspielt. Dieser exklusive Ort unterstreicht natürlich diesen ersten Eindruck. Die oberflächlichen und zum Teil recht arroganten  Gedanken, die beschrieben werden und sich durch die Ich-Perspektive direkt auf die Erzählweise auswirken, lassen die Hauptfigur nicht gerade sympathisch wirken. Dies ändert sich jedoch mit dem Beginn der Reise in Richtung Süden und in der weiteren Erzählung. Zwar sind weiterhin die oberflächlichen Gedanken vorherrschend, zu denen zum Beispiel Beschreibungen von äusserlichen Erscheinungsbildern und Bewertungen jeglicher Art gehören. Allerdings werden vermehrt auch Erinnerungen des Ich-Erzählers an vergangene Ereignisse erzählt. Dies führt dazu, dass die vielen geschilderten Gedanken besser in das Gesamtbild dieser Person passen und man sie besser versteht. Das Buch beginnt zu leben und wird durch die mehr und mehr detailreichen Beschreibungen und Gedankengänge sehr interessant zu lesen. Dabei ist die Sprache gekonnt einfach gehalten und bleibt sehr angenehm zu lesen. Auch dies passt sehr gut zur allgemeinen Handlung, die ausser Reisen und Partys nicht wirklich viel zu bieten vermag. Wenn man am Ende der Erzählung in Zürich ankommt, hat man Zug-, Flugzeug- und Autoreisen sowie konsumintensive Feste in ganz Deutschland erlebt. Der interessante und spannende Teil der Lektüre ist jedoch in den Denkweisen des Ich-Erzähler zu finden und zwar dann, wenn er mal nicht an seine Barbour-Jacke denkt.

Der Roman „Faserland“ ist all denjenigen zu empfehlen, die in das literarische Imperium Christian Krachts eintauchen möchten. Er eignet sich gut als Einstieg in die Kracht’sche Literatur und bietet ein ideales Fundament für die Folgeromane „1979“ und „Ich werde hier sein im Sonnenlicht und im Schatten“, die von der Struktur her ähnlich aufgebaut sind. Die Sprache des Ich-Erzählers ist sehr leicht zu verstehen und die Geschichte ist amüsant zu lesen. Ungeachtet der Tatsache, dass man oft schmunzeln muss und sich manchmal wie inmitten eines „Roadmovie“ fühlt, bietet die Erzählung reichlich Spielraum für Interpretationen jeglicher Art. Wer also keine Lust hat, aufgrund einer schwierigen Sprache bei jedem dritten Satz hängen zu bleiben, um sich zu fragen, was man gerade gelesen hat, aber sich dennoch einem Werk widmen möchte, das es in sich hat und sich gleichzeitig grosszügig interpretieren lässt; der ist hier genau richtig.

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